Kloster Ettenheimmünster. Rekonstruktion in einem Film - Möglichkeiten und Schwierigkeiten

Vortragsabend des Katholischen Bildungswerks Ettenheim am Mittwoch, 10. 6. in Münchweier

Wie sah das verschwundene Kloster Ettenheimmünster aus? Das katholische Bildungswerk Ettenheim hatte den Fachmann schlechthin für diese Fragen, den aus Ettenheim stammenden Pfarrer Dr. Jörg Sieger am Mittwoch in das Pfarrzentrum Münchweier eingeladen.

Wie kommt der Abt auf den Balkon, um zum Volk zu sprechen? Die Frage scheint nebensächlich. Schon gewichtiger klingt die Frage: wo steht ein Turm, den es angeblich gar nicht gibt? Ist es nur ein Dachreiter oder doch ein Turm? Mit diesen Fragen führte Sieger in die Problematik ein: wie kann das im 19. Jahrhundert nach und nach abgebrochene und bis auf wenige Reste völlig verschwundene Kloster wieder rekonstruiert werden? In einer ersten Fassung 2013 zur 1250-Jahr-Feier der Abtei und einer wesentlich erweiterten, umfangreicheren und genaueren Fassung 2022 haben Jörg Sieger und Karl-Heinz Häfele, Klassenkamerad von Sieger und Digitalexperte am Karlsruher Institut für Technologie das Kloster digital rekonstruiert – wiederrichtet, wie der Titel ihres Films sagt.
 
In einem dichten Vortrag vor etwa 60 Interessierten zeigte Sieger in der ersten Stunde des Abends, welche Schwierigkeiten sich dem Projekt entgegenstellen: technische Probleme, etwa wie bekommt man eine Karte für die Oberflächenstruktur des 4 km² großen Gebietes (schlussendlich vom Vermessungsamt Baden-Württemberg), vor allen Dingen aber inhaltliche Probleme: die im Generallandesarchiv vorhandenen Pläne der einzelnen Geschosse von 1803 sind nicht deckungsgleich. Der genaue Ort und die Bauform der gesuchten Treppe zum Balkon ist aus den Plänen nicht eindeutig zu klären. Die abschüssige Geländeform ist in den Plänen nicht berücksichtigt. In einem Gemälde kann man viel malen und es passt irgendwie, meinte Sieger. In einer Rekonstruktion müssen Entscheidungen getroffen werden, welche der Möglichkeiten realisiert werden soll. So machten sich die beiden mit bewundernswerter Akribie daran, möglichst viele Informationen zu sammeln und zu dokumentieren, um wissenschaftlich möglichst präzise diese Entscheidungen für die Rekonstruktion zu treffen. Sie verwendeten die schon angesprochenen Pläne, weitere Pläne und bildnerische Darstellungen aus verschiedenen Bauphasen des Klosters, etwa in einer Handschrift des Mönches Karl Will über Landolin aus dem 18. Jh. in einer Bibliothek in Mainz. Neue Einsichten ermöglicht das Skizzenbuch von Gustav Heinrich Gebhard, das das schon teilweise abgebrochene Kloster zeigt. Sieger und Häfele suchten und fanden Überreste des Klosters, die an anderen Orten wieder verwendet wurden, etwa ein Tor im Lahrer Parktheater, Fenster- und Türgewände in der Geroldsecker Vorstadt in Lahr, das Lesepult in der Wallfahrtskirche Ettenheimmünster. Sie suchten Vergleichsobjekte und fanden zum Beispiel zeitgenössische gemalte Fenster im Kloster St. Peter, das wie das Kloster Ettenheimmünster von Peter Thumb gebaut wurde. Sie suchten Vorbilder für die Innenausstattung der Rekonstruktion: die Apothekenwaage, Papiere auf dem Schreibtisch in der Kanzlei, den Nachttopf in der Mönchszelle. Eine schöne Belohnung ihrer Arbeit: Die Rekonstruktion der Fenster wurde später von einem Zuhörer in einem Vortrag von Sieger bestätigt, in dessen Haus aus dem Kloster stammende Fenster eingebaut waren.
So machte Sieger deutlich, dass die Rekonstruktion einerseits die Zustände tatsächlich sehr genau wiedergibt, andererseits immer noch Fragen offen sind und Unsicherheiten bleiben. Diese Fragen könnten zum Teil durch Ausgrabungen geklärt werden, die das Landesdenkmalamt aber derzeit nicht gestattet.
Im Anschluss an den mit Details gespickten Vortrag zeigte Sieger den 30-minütigen Film, der die Ergebnisse der Rekonstruktion anschaulich zusammenfasst und ein lebendiges Bild des Lebens im Kloster entstehen lässt. Durch den Vortrag vorbereitet konnten die Zuhörer und Zuhörerinnen die Schwierigkeiten der Rekonstruktion wahrnehmen. Viele Nachfragen – etwa nach weiteren Plänen Siegers: u. a. die Rekonstruktion früherer Bauphasen und die Ermöglichung von Virtual Reality- zeigten das Interesse der Zuhörer.
Mit großem Beifall bedankte sich das Publikum für mehr als zwei hochinteressante Stunden.
 
Matthias Küchle
Katholisches Bildungswerk Ettenheim, katholische Kirchengemeinde Ortenau